Wartezimmertheater

Er betritt die Praxis, krank — aber das ist nur ein notwendiger Teil der Sache — und freudig erregt. Wahrlich ist er kein Unerfahrener. Hans hat schon so manche Zeit damit verbracht, sich um seinen Körper und seine Mitkranken zu bemühen. Er weiß, es dient der Verbesserung. An der Anmeldung lauscht er wenigen Worten: “Ja, die Impfstoffe sind uns versprochen, aber noch nicht da …” und schon entfaltet sich vor seinen Augen ein weite Landschaft damit verknüpften Wissens, Ahnungen, Befürchtungen. Das ist nicht unähnlich der Worte “habe nun ach …” oder “Sein oder nicht …”. Kaum gehört, verwandeln sie sich in Bilder — Viren und hustende Schweine, Studierstuben und Typen mit Schädeln in der Hand.

Ein vorfreudiger Blick ins Wartezimmer verrät: Sie sind schon alle da, nur noch ein Platz ist frei. Nach dem Ablegen der Garderobe an der Garderobe ist er soweit, atmet durch und — tritt ein! Auftritt Hans. Die Schauspielerzuschauerkollegen wenden ihm einen verstohlenen Blick zu. Sein schüchternes “Guten Morgen” erntet keine Antwort. Krank — denn Nichtkranke haben hier nichts zu suchen — setzt er sich auf den Stuhl. Er schaut sich um. Die beiden alten Frauen im Blümchenkleid mit Unterrock. Der bebrillte, in sich gesunkene Student mit dickem, vielfach um den Hals geschlungenem Schal. Die Schwangere, die, wenn wir ehrlich urteilen, ja auch irgendwie krank ist, zumindest der Behandlung bedarf. Und da, in der Ecke, ist das nicht sie, nach der er seit so langer Zeit sucht, sie, die in seinen Träumen immer wieder auf ihn zuläuft, die seinen Namen ruft, die seine Seele in- und auswendig kennt? {Nein, das ist sie nicht, das hier ist doch keine Liebesszene!}

Jetzt nicht husten, bloß nicht husten. Was würden die Schauspielerzuschauerkollegen denken! Dies mag ein Wartezimmer sein, man mag vielleicht auch krank zu sein haben, aber husten, nein. Das ginge zu weit, hier ist Contenance zu wahren. Und so hustet Hans in sich hinein, zuckt jedesmal wenige Zentimeter auf und wieder ab. Rechts und links von ihm wenden sie schon dezent die Gesichter ab, von gegenüber schielen sie ihm verstohlen zu. Unruhig steht er auf und geht zu einem Stapel mit Zeitschriften. Blicken die ihn an? Die auf seinem runden Rücken ruhenden Augenpaare prickeln in der Wirbelsäule.

David

~ von actionunddrama am November 16, 2009.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

 
Follow

Get every new post delivered to your Inbox.